Danube-Networkers
Humor als Brückenbauer
Text: Wolfgang Sator
Foto 1: Kabarettarchiv Straden
Foto 2: www.cdwiki.de
Die Entstehung von Kabarettbühnen in Wien und Budapest um 1900
Es gibt keine umfassende Theorie des Humors. Lachen ist ein Kulturphänomen und an bestimmte historische, soziale und personelle Konstellationen gebunden. Man kann es auch in der Weise formulieren, dass man Humor als Gabe des Menschen ansieht, den Fehlern der Welt und der eigenen Unzulänglichkeit mit heiterer Gelassenheit zu begegnen und darüber lachen zu können.
Europa ist ein großes Bauwerk, eine Brücke, die Hindernisse zwischen
unterschiedlichen Kulturen überwinden kann und soll, und Humor ist eine
Möglichkeit dazu. Ein jüdischer Rabbi hat gesagt, Humor ist ein enger
Verwandter der Hoffnung. Jetzt verstehen wir, warum das jüdische Volk so reich
an Humor ist. Hoffnung und Humor lassen einen in trostlosen Zeiten überleben.
Und das 20. Jahrhundert war schrecklich für das jüdische Volk. In meiner
kleinen Arbeit über die Entstehung des Kabaretts in Wien und Budapest um das
Jahr 1900 möchte ich die jüdischen Brückenbauer des Humors in den Mittelpunkt
rücken. Ohne sie hätte es kein Kabarett und keinen Austausch zwischen den
Zentren des Kabaretts gegeben. Es ist eine historisch-kulturelle Arbeit, dient
aber im besonderen der Erinnerung an jene Personen, die so reich an Humor und
Selbstironie waren, dass ihre Texte bis heute bekannt sind. Viele von ihnen
wurden ermordet oder haben durch Flucht unter schwierigsten Umständen ihr Leben
retten können. Ein Beispiel für Humor als Brücke zwischen Ländern und Menschen
ist:
Die Entstehung von Kabarettbühnen in Wien und Budapest um 1900
Die Anfänge des österreichischen Kabaretts sind in der Zeit nach der Theaterkrise am Ende des 19. Jahrhunderts auszumachen. Als Folge des Börsenkrachs 1873, der von Wien ausging, brach die etablierte Theaterszene ein. Und da jede Krise auch einen Neubeginn bringt, so entwickelte sich damals etwas Neues. Da das Publikum weiter Unterhaltung suchte, entstanden in Wien viele neue Unterhaltungseinrichtungen, nämlich das Varieté, einer Mischung aus Zirkus und Theater, und die Singspielhalle für Gesangs- und Komikauftritten.
Die Komikerszene Wiens erlebte einen regen Austausch mit Budapest, das damals noch eine starke deutschsprachige Bühnenpräsenz aufwies. Etwa 40 % der Budapester Bevölkerung war deutschsprachig. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung war relativ hoch, höher als in Wien. Besonders jüdische Komiker und Schriftsteller stellten die Verbindung zwischen Wien und Budapest her. 1889 reiste der Wiener Singspielhallenkonzessionär Bernhard Lautzky nach Budapest, um eine Truppe aus Sängern, Schauspielern und Komikern für eine Schau zusammen zu stellen. Die Auftritte erfolgten vorerst in Wien in verschiedenen Lokalitäten unter dem Namen Budapester Orpheumgesellschaft.
Die Komiker der Truppe erlangten in Wien große Popularität. 1892 siedelten sie sich endgültig in der Leopoldstadt, Praterstraße 25, an. Das Budapester Orpheum war jahrelang die erste Adresse in Wien für ein Publikum, das Unterhaltung und Komik mit geistreichem Witz bevorzugte. Der 2. Bezirk beherbergte überhaupt eine Menge Lokale, in denen Komiker mit kurzen Programmen und Sketches auftraten. Heute noch bekannte Künstler waren Armin Berg, Hans Moser und Max Roth. Herausragendes Merkmal des Budapester Orpheums war die Darbietung jüdischer Jargonkomik. Die Lieder und Texte wurden in Jiddisch gefärbtem Wienerisch vorgetragen. Es gab auch den Vorwurf, antisemitische Vorurteile zu bestärken.
Weitere Kabarettlokale in Wien:
1901 eröffnete Felix Salten das „Jung-Wiener-Theater zum lieben Augustin" im Theater an der Wien. Nach sieben Vorstellungen war leider Schluss, und es dauerte bis 1906, als im selben Theater das „Kabarett Hölle" eröffnet wurde. Hier feierte Fritz Grünbaum als philosophierender Conferencier sein Debut. Star war die Ungarin Mella Mars, die von ihrem Mann Béla Laszky am Klavier begleitet wurde,
1906 wurde in der Ballgasse das „Cabaret Nachtlicht" mit der Stardiseuse Marya Delvard eröffnet. Künstler wie Alexander Roda Roda, Egon Friedell und Alfred Polgar traten hier auf. 1907 ersetzte das „Cabaret Fledermaus" das „Nachtlicht", um seinerseits 1913 vom „Revuetheater Femina" abgelöst zu werden.
Das älteste noch bestehende deutschsprachige Kabarett ist das 1912 gegründete Bierkabarett „Simplicissimus". Und zwar in einer Form von unterschiedlichen Darbietungen, wobei Konsumation von Speis und Trank selbstverständlich dazu gehörten.
Das Programm beinhaltete in dichter Abfolge: Rezitation, Conferencen, Artisten, Klavierimprovisationen, Schnellzeichner, Operettenschlager, Chansons, etc.
Fritz Grünbaum und Karl Farkas dominierten in der Zwischenkriegszeit und Farkas allein bis 1971, da Grünbaum von den Nazis ermordet wurde. Farkas flüchtete in die USA und überlebte dort den Holocaust.
Budapest
Gleichzeitig öffneten in Budapest bedeutende Kabarettbühnen ihre Pforten. Der Geburtstag des Wiener und des Budapester literarischen Kabaretts fallen sogar auf denselben Tag. Der Journalist Jenö Zoltan gründete unter Mitarbeit von Franz (Ferenc) Molnar die „Bunte Bühne" („Tarka Szinpad"). Dieser folgte das Cabaret Bonbonniere mit dem Conferencier Endre Nagy und die „Moderne Bühne" („Modern Szinpad").
Miklos Szabolcsi hat in seinem Aufsatz mit dem Titel „Thematische und stilistische Aspekte der Juden in der ungarischen Literatur" folgendes Zitat von Octavian Goga, einem ungarisch-rumänischen Dichter, niedergeschrieben:
„Die Kontinuität der ungarischen Literatur brach ab, und in Budapest entfaltete sich jene jüdische Nationalliteratur, die die Literatur unserer Tage prägt. Nirgends gesunde Bauern, keine Spur von der Liebe zur Natur, zur Pußta, von feucht-fröhlichen Szenen in der Csarda. Man liest über die Hure Babylon auf dieser fremden Seite, über Budapest, diese plötzlich groß gewordenen Stadt mit seinen Amerikanismen, Kabaretts, mit seinen Juden und der jiddelnden Sprache von der Dohanygasse. Dieser improvisierte Ameisenhaufen war es, der der ungarischen Literatur seinen Stempel aufdrückte."
Armin Berg
Als exemplarisches Beispiel für einen jüdischen Kabarettkünstler der Zeit nach 1900 gilt Armin Berg. Er wurde am 9. Mai 1883 in der Nähe von Brünn geboren. Er kam um 1900 nach Wien und spielte an verschiedenen Varietés und Singspielhallen. 1907 engagierte ihn Heinrich Eisenbach, Komiker am Budapester Orpheum, für sein nur ein Jahr bestehendes Budapester Varieté, nach dessen Auflösung nahm er Berg ans Budapester Orpheum und verhalf ihm so zu größerer Popularität.
Das Orpheum war eine sogenannte „Jargonbühne", deren Charaktere großteils einem wienerisch-jüdischen, urbanen Milieu entstammten.
Armin Berg entwickelte hier seinen besonderen komischen Stil, der ihn bald zu einem der bekanntesten Komiker Wiens machte. Die von Berg dargestellten Personen waren eindeutig jüdisch definiert und entstammten den unteren sozialen Schichten. Er spielte mit dem Stereotyp des Jüdischen und übernahm dabei auch antisemitische Vorurteile zum Gaudium des nichtjüdischen Publikums. Zu seinen bekanntesten Liedern gehörten: „Ich glaub, ich bin nicht ganz normal" (Text: Louis Taufstein), „Der gewissenhafte Maurer"„Der Überzieher", „Nehmen´S an Alten" alle Otto Reutter.



