Danube-Networkers
Donau - Philosophie
Text und Fotos: Sylvia Wust
Budapest, Fronleichnam 1997
Unser Hotel lag nicht unweit von der Elisabethbrücke, und da wir uns in Budapest noch nicht auskannten, war es das Einfachste, die Uferpromenade entlang zu wandern. Da lag ein Schlepper in Ufernähe verankert, mit drei langen Kähnen, die jeweils mit hohen Sandhaufen beladen waren. Lebhafte Erinnerungen an meine Studienzeit in Wien, wo wir des Öfteren im Überschwemmungsgebiet der Donau gewandert waren, und Mutter jedes Mal, wenn sie einen Schlepper erblickte, ganz außer Rand und Band geraten war.
Sie hatte einmal gelesen, dass der Schlepperkapitän mit seiner Familie oft mehrere Monate auf dem Boot verbringen musste, mit Hühnern und anderen Haustieren, Wäscheleinen mit Wäsche, Kochstelle und allem Drum und Dran. Das hatte sie offenbar sehr beeindruckt.
Wir betraten ein kleines Hausboot-Restaurant mit Blick auf die Fischerbastei und bestellten Donaufischsuppe. Meiner Mutter schmeckte sie nicht, sie ließ sie stehen, doch ich wollte, bald ganz eins mit dem schlammigen, algigen Suppengeschmack, die Donau-Romantik ausgiebig genießen. Was mir auch gelang.
Beim gleichmäßigen Schaukeln des Hausbootes sinnierte ich weiter. Wo hatte ich die Donau eigentlich noch gesehen? In Passau, hübsches Städtchen gleich hinter der deutschen Grenze mit einer sehr schönen Altstadt, um die herum auch noch zwei weitere Flüsse fließen und sich alsbald in die Donau ergießen. Und natürlich in unserer geliebten Wachau, wohin wir jedes Frühjahr zur Marillenblüte einen Ausflug machten. Manchmal wurden wir wohl auch von kleinen Schneestürmen dabei überrascht. Jedenfalls erlebten wir die Donau von der Fähre aus, die wir benutzen mussten, um von Melk aus ans andere Ufer zu gelangen. Dort wartete eine Bummelbahn auf uns, die den Hang entlang, fuhr, sodass man die kleinen Orte unter sich sah und zwischen den Kirchtürmen die Donau. Meist stiegen wir in Spitz oder Dürnstein aus, um von dort die Fußwanderung nach Krems anzutreten, über hügeliges Weinland, immer die Donau zur Rechten.
Und wir sahen sie in Preßburg, der alten Universitäts- und Krönungsstadt, deren viertürmige Burg das gesamte Stadtbild überragt. Natürlich war ich damals zu allererst auf der Burg gewesen, wo die Aussicht mich lebhaft an den Blick vom Wiener Leopoldsberg aus gemahnte. Merkwürdig, dachte ich mir, immer dieser Wendepunkt vor dem Burgberg, immer diese Schleifen um den höchsten Punkt, bevor die Donau in die Stadt enteilt, um die Gegend mit Schiffen, Gütern und Menschen aller Art zu versorgen.
Ungarisch verstehe ich nicht, Slowakisch noch weniger, und doch fühle ich mich nicht fremd in den Nachbarländern. Macht das die unserer ehemaligen österreichisch -ungarischen Monarchie verwandte Atmosphäre aus oder die Donau, die uns überallhin begleitet? Von der so etwas wie Heimat ausgeht, auch wenn ich bereits fünf Fahrminuten nach der Grenze nicht einmal mehr "Bitte" und "Danke" sagen kann?
Und doch, sie hat etwas Gemeinschaftliches.
Ein großer Fluss hat eigentlich überall, ungeachtet der verschiedenen Länder, die er durchfließt, dieselbe Ausstrahlung. So verbindet er einheitlich verschiedenartige Völker und Länder. Der Strom ist daher überall ein Stück Heimat, gleich, an welchem seiner Ufer man sich gerade befindet.




