Danube-Networkers
Das Fremde in uns
Text: Wolfgang Sator
„Heimat ist ein Mythos. Fremdheit ist das Gegenteil. Was ist der Gegensatz zum Mythos?“ In einem gemieteten Häuschen in Marengo sitzt Thomas und überlegt. Er hat es daheim nicht ausgehalten und alles außer einigen wenigen Habseligkeiten zurückgelassen. Nicht nur Dinge, auch Gefühle und Beziehungen. Weit weg wollte er. Doch nicht weit genug für ihn.
Marengo erscheint ihm unauffälliger als alle anderen Orte, die er je besucht hat. Vielleicht bleibt er deshalb hier. Die Menschen im Dorf beachten ihn wenig. Er merkt es, wenn sie ihn aus der Entfernung beobachten. Ist er ihnen nahe, sehen sie verstohlen weg und tun so, als existiere er gar nicht. Er kennt weder ihre Namen noch ihre Berufe. Mit einer Ausnahme: Beim Kaufmann, bei dem er sich die Lebensmittel besorgt, steht „Raimondo Greco“ über der Ladentür; und dieser hat ihn schon mehrmals nach seinem Herkunft gefragt. Thomas weicht immer aus und scherzt. Manchmal sagt er, er sei ein gesuchter Verbrecher, dann ein Mann, der seinen Weg in der Fremde suchen müsse, oft spricht er von einem großen Geheimnis, das er nicht verraten dürfe. Es gibt viele Möglichkeiten, die Heimat zu verbergen, denkt Thomas. „Wenn wir leben, bewegen wir uns vom Bekannten zum Unbekannten, ein ständiger Prozess.“ Thomas nimmt sein Notizbuch, schreibt den Satz hinein und streicht ihn gleich wieder aus. Dabei bricht der Bleistift ab. Er steht auf und verlässt seine Behausung.
Er geht auf einen kleinen Hügel, der in der Nähe ein leichtes Ziel für einen Spaziergang ist. Fast jeden Tag marschiert er dort hinauf und in der Dämmerung wieder zurück. In Marengo regnet es selten, und das Klima ist südlich warm. Vom Hügel aus überblickt er die Ortschaft, die ihm auch von Ferne nichtssagend vorkommt. Ein allgegenwärtiger wie auch verlorener Ort.
Kurz nach Sonnenuntergang beginnt er wieder zurückzugehen. Die Dämmerung bricht zu dieser Jahreszeit schnell herein, und die Finsternis im Freien verträgt Thomas nicht. Nicht auch noch blind sein, denkt er, sich nicht der Dunkelheit ausliefern. Aber noch ist es hell genug. „Ich gehe befreit wie Sisyphos vom Hügel hinab, nachdem ich den Stein hinaufgerollt habe. Jeden Tag, jede Stunde.“ Thomas spürt die Erleichterung beim Abwärtsschreiten. Er breitet die Arme aus, dreht sich um die eigene Achse und tanzt. Er fühlt sich einen Moment glücklich.
In seiner Behausung nimmt er ein zerlesenes Buch aus dem Regal und schlägt die Seite 139 auf. Er liest: „Unser begrenztes Dasein, das nur die beiden Fixpunkte Geburt und Tod kennt und dazwischen ein hemmungsloses Chaos erlebt und zugleich anrichtet, schreit nach Ewigkeit und grenzenloser Freiheit. Im Fremden erleben wir ein Echo unseres Schreis und wollen uns danach richten. Da aber die meisten Menschen voller Angst sind, weichen sie zurück und verstecken sich hinter dem Gewohnten. Sie fürchten das Unbekannte.“ Thomas blättert weiter und liest, bis ihm die Augen zufallen. Halb sitzend schläft er bis in die Morgenstunden des nächsten noch fremden Tages.


