Danube-Networkers
Begegnung mit dem Fremden – einst und jetzt
Text: Sylvia Wust
1977 in GRIECHENLAND
Es war meine erste Reise nach Athen, eine Jugendreise, von 15 Jahren aufwärts. Verena, meine Zimmerkollegin und ich standen als Studentinnen nicht so sehr unter Kuratel wie die Fünfzehnjährigen und beschlossen, nach den Tagesbesichtigungen abends etwas zu unternehmen. Wir bummelten in der Plaka, schauten in einen Silberladen hinein und kamen mit dem Besitzer ins Gespräch. Aus Österreich … Wien!...Wir würden gerne in einer echten griechischen Taverne etwas essen…Wirklich??...Wann?...Can we trust you, fragte Verena. Man weiß ja nicht so genau, ob sich Frauen in Griechenland unbeschützt unter Männer wagen sollen… Kurz und gut, wir sollten den Ladenbesitzer in einer Stunde, nach Ladenschluss, abholen, er würde auch andere Bekannte zusammentrommeln, und wir würden in einer Taverne gemeinsam einen schönen Abend verbringen.
Gesagt, getan, wir holten ihn ab, und als wir mit ihm die Taverne betraten, saßen an einem großen Tisch auf einem Podium mit Geländer Männer und Frauen gemischt, wie sie eben gerade von ihrer Arbeit kamen. Musikanten waren auch da, die spielten natürlich griechische Volksmusik. Auf der Speisekarte kannten wir uns natürlich nicht aus. Wir fragten die Griechen um Rat. Sie bestellten alles und stopften uns die Speisen buchstäblich in den Mund. „Das ist aber unappetitlich“, war meine erste Regung. Da fiel mir zum Glück Karl May ein, in dessen Romanen Kara ben Nemsi beim Gastmahl von den Beduinensheikhs mit Reisknödeln und anderen Köstlichkeiten gefüttert wurde. Das war ein besonderes Zeichen der Gastfreundschaft, er hätte seine Gastgeber schwer gekränkt, hätte er sich dagegen gewehrt. Also ließ ich alles mit mir geschehen, Wein gab es auch, die Musik spielte, die Leute sangen mit, und es war eine tolle Stimmung. Irgendwann musste ich einen gewissen Ort aufsuchen, und als ich wieder zurückkam und, mich am Geländer festhaltend, wieder auf das Podium steigen wollte, erklang eine grässliche Musik, gemischt aus Busuki, Hammondorgel und Schlagzeug. Mit Schaudern erkannte ich die Melodie: Es war der Donauwalzer! So weit fahre ich also weg, um endlich etwas Anderes zu hören, und dann so … Da dämmerte mir etwas: Der Ladenbesitzer musste dem Wirt und den Musikanten erzählt haben, dass wir aus Wien kamen, und man wollte uns mit dieser Musik überraschen und Freude bereiten. Ich bedankte mich herzlich, nicht nur für meine innere Eingebung, sondern auch für die liebevolle Art dieser Menschen, und dafür, wie wir bei ihnen aufgenommen wurden. Dass sie es sich nicht nehmen ließen, uns zu all dem einzuladen und auch noch mit dem Taxi in unser Hotel zu bringen, brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen.
2002 in der SLOWAKEI
Wir, Heide und ich, genießen unbeschwert das zu entdeckende Neuland. Bratislava (Pressburg) ist ja nicht schwer zu erreichen. Eineinhalb Stunden Bahnfahrt, vom Braunsberg bei Hainburg aus sogar sichtbar. Neuland für Heide, mir ist einiges schon vertraut. Meine Großeltern waren zwar Deutsche, könnten aber ebenso gut auch hier gelebt haben. Ich weiß nicht, woran das liegt, dieses Gefühl, vielleicht an der Österreich-ungarischen Monarchie?
Immerhin weiß ich, dass die Burg Tevin sehenswert wäre. Wir fragen danach. Eine junge Dame gibt uns bereitwillig Auskunft. Deutsch sprechen hier nur die jungen Leute. Der Weg nach Tevin ist aber für heute zu weit, wir müssten umsteigen und … Wir bummeln einfach durch den Ort, sehen uns das Jugendstil-Postamt an, bewundern die Oper…Irgendetwas liegt in der Luft, irgendetwas belastet uns hier. Es ist, als wären unzählige feindliche Blicke auf uns gerichtet. „Sie wollen uns hier nicht!“ durchfährt es mich blitzschnell. „Um Himmels willen, wie komme ich nur auf eine solche Idee?“ Da dämmert mir etwas: eine uralte Geschichte von Onkel und Tante, sie haben in Lublin geheiratet und hatten ein ähnliches Gefühl wie ich jetzt. Damals konnte ich Tante nicht glauben, jetzt erlebte ich es. Der zweite Weltkrieg muss wohl sehr schwere Wunden geschlagen haben! Es ist aber auch zu dumm! Wir können uns mit fast allen Fremden in Englisch oder Französisch verständigen, doch zwei Kilometer hinter der tschechischen, slowakischen oder ungarischen Grenze können wir nicht einmal „Bitte“ und Danke“ sagen. Ein paar bescheidene Brocken Fremdsprache würden sicher alles leichter machen.
2009 Afrika in WIEN
Im unteren Gang eines Wiener Bahnhofes, von wo es zu den vielen Bahnsteigen geht, steht ein Schwarzafrikaner und bemüht sich, den „Lieben Augustin“ zu verkaufen. Da ich heute gerade in Hochstimmung bin, nehme ich ihm eine Zeitung ab und gebe ihm die zwei Euro.
Er macht einen Luftsprung vor mir und sagt: „Danke, Mamma!“ Was heißt „Mamma“, denke ich, sehe ich denn schon so alt aus?“ Nein, nicht ganz. Bei den Schwarzafrikanern sind selbstverständlich alle Frauen Mütter. Es muss ihm sehr merkwürdig vorkommen, dass es bei uns so viele unverheiratete und kinderlose Frauen gibt.
2010 in BULGARIEN
Ruhig und souverän, starke Ausstrahlung um sich verbreitend, betrat Dimitré Dinev das Podium. Der Vorsitzende des Literaturvereines stellte ihn dem Publikum vor, führte ihn ein und stellte ihm dann einige Fragen. Der Autor spricht fließend Deutsch, er schreibt und veröffentlicht auch in Deutsch, seine Werke gehören der österreichischen Literatur an. Sein jüngst erschienener tausendseitiger Roman hat Millionenauflage und wurde in „weiß-ich-wieviele“ Sprachen übersetzt. Wieso spricht ein Immigrant wie er so gut Deutsch? Er hatte das Glück, in seiner Heimat eine gute deutsche Schule besuchen zu dürfen, das wurde von den Kommunisten gefördert. Bevor Dimitré Dinev seine Lesung beginnt, dürfen die Besucher Fragen an ihn stellen. Ein Immigrant weiß viel, was wir nicht wissen und doch wissen sollten. Befremdlich an der ganzen Sache ist nur, dass mir der fremde Autor sehr vertraut vorkommt.
Ich brauche keine Fragen an ihn zu stellen. Ich weiß, wer er ist:
Er ist ein Mann ohne Grenzen.


