Danube-Networkers
Die Fremde am Brunnenmarkt
Text: Lieselotte Stiegler
Wie jeden Samstag gehe ich auf den Brunnenmarkt am Yppenplatz. Ich liebe diesen multikulturellen Markt im 16. Bezirk in Wien. Es ist erst 9 Uhr morgens und ich befinde mich schon in einem Gedränge zwischen den Marktständen. Über Integration muss man hier nicht sprechen: man sieht und hört sie an jeder Ecke. Ich versuche mit meinem Einkaufswagen eine freie Spur zu finden, während meine Blicke sich an dem bunten Treiben erfreuen.
Vor mir sehe ich ein gelbes Plakat mit der Sichel eines blauen Mondes:
ESMA SULTAN – Teppiche und Spielwaren.
Tierfiguren aus Porzellan, gemusterte Bettüberzüge mit großen Rosenblättern, Bratpfannen neben Parfumflakons mit goldenen Verschlüssen stehen bunt gemischt auf den Regalen und auf Schachteln vor dem Geschäft. Ich dränge mich durch rote Plastikstühle vor dem Eingang, bleibe vor der offenen Türe eines Friseurladens stehen.
„RÜYA COIFFEUR“. An einem Pappkarton an der Türschnalle lese ich die handgeschriebene Preisliste: Schnitt plus Rasur nur fünfzehn Euro
Auf der Holzbank sitzen drei Männer, vertreiben sich mit einer lautstarken Diskussion die Wartezeit, während Ismail Rüya konzentriert mit der Rasierklinge über das Gesicht eines Kunden fährt. In meine Nase steigt ein Geruch des Rasierwassers, gemischt mit dem Zwiebelduft des Kebabstandes gegenüber. Vor dem Juwelierladen pressen türkische Frauen ihr Gesicht an die Auslage. Abwechselnd zeigen sie auf das große Angebot der Uhren und Ringe – 40 Prozent Rotgold mit Gratisgravur. Schlendert man ein paar Meter weiter, kommt man zur LOCANTA –OASE. Unübersehbar ist die gelbe Eingangstüre mit orientalischen Mosaiken, über der geschrieben steht: Hausmannskost Sebzeli Köfte.
Gleich neben das Geschäft seines österreichischen Kollegen: Bio Wiener Burger.
Sein Eingang ist bedeutend kleiner. Diesen Mangel gleicht er mit einer breiten, grünen Markise aus, die bis über die Mitte der Gasse hängt, an deren Borden in Großbuchstaben seine Spezialität angeboten wird: SAUERKRAUT. Vorsichtig muss man bei den Gewürzständen sein, die Trockenfrüchte nicht mit dem Vogelfutter zu verwechseln.
„Heute alles ganz billig, zwei Ananas nur einen Euro!“
Die Stimme gehört zu Düskün, der einen Großteil seines Obstes und Gemüses aus seiner Heimat bezieht. Türkische Frauen drängen sich um seinen Stand, lachen, tratschen, begutachten die Preise und prüfen sorgfältig jedes Stück Obst, bevor sie es in ihre Einkaufstaschen stecken. Ich stelle mich zu ihnen. Da spüre ich ein Ziehen an meinem Rock. Ich drehe mich um und blicke in große, dunkle Augen. „Hast du ein bisschen Geld für mich?“ höre ich ihre Stimme im fehlerfreien Deutsch. Ihre Hand hält noch immer meinen Rock, mit der anderen hält sie den Kinderwagen fest, in dem ein Junge und ein Mädchen sich um ein Stück Apfel streiten. „Nur ein paar Euro für meine Kinder“, sagt sie. Ich blicke in ein schönes, markantes Gesicht. Mit anmutiger Geste streicht sie eine schwarze Haarsträhne unter ihr Kopftuch. Den Kinderwagen stellt sie seitlich zwischen zwei Marktstände. Ich greife nach meiner Brieftasche, aber ein undefinierbares Gefühl hindert mich, ihr Geld zu geben.
„Ignorieren Sie diese Zigeunerin. Die sollen wieder zurückgehen, von wo sie kommen. Leben da auf unsere Kosten und dann muss man sich auch noch anbetteln lassen“ schreit ein Mann neben mir und deutet mit verachtungsvoller Geste auf die Frau. Ich zucke zusammen, spüre Zorn. Doch bevor ich ihm noch antworten kann, beugt sie sich zu mir. „Ich bin Yerma. Ich komme aus dem Kosovo.“ Wir suchen einen Weg aus dem Gedränge am Marktstand.
„So werden wir die nie los“, höre ich den Mann weiterschimpfen. Ich hole aus meiner Einkaufstasche zwei Äpfel und gebe sie ihren noch immer streitenden Kindern. Sie schiebt den Kinderwagen neben mir her, erzählt von ihrer Flucht aus dem Kosovo.
„Sie vergewaltigten alle Frauen, die in ihre Hände fielen, unabhängig von ihrem Alter. Meine Mutter versteckte mich wochenlang im Keller eines ausgebombten Hauses. Trotzdem fanden sie mich eines Tages und….“
Es gibt keine Fragen, keine Antworten auf diese grausame Gewalt gegen Frauen. Ich drücke ihre Hand, sehe den Blick, mit dem sie ihren Jungen ansieht. Sie bleibt vor dem Eingang eines Hausblocks stehen. Aus den Klingelknöpfen der Haustür hängen Kabel heraus, an den Kellerfenstern sind nur mehr vereinzelte Glasscherben. „Hier wohnen wir. Kommst du noch mit auf einen Kaffee? Es ist nur meine Mutter zu Hause, meine Brüder und mein Mann sind auf Arbeitssuche. Bitte, komm mit!“
Ich schäme mich für mein kurzes Zögern, halte ihr die Türe auf. Die Wohnung ist im Tiefparterre. Yerma schiebt den Kinderwagen durch die unverschlossene Eingangstür, die direkt in die Küche führt. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. „Setz dich!“ Sie drückt mich in einem gepolsterten Suhl, aus dessen Armlehnen das Futter heraushängt. Auf dem Küchentisch türmen sich Pappkartons mit Pizzaresten, Zwiebelringen und vertrockneten Resten von Fladenbrot. „Warum sprichst du so gut deutsch?“, frage ich sie. Yerma versucht, die Gasplatte am Küchenherd anzuzünden.
„Hoffentlich haben sie nicht wieder den Gashahn abgedreht. Deutsch habe ich in der Abendschule gelernt. Findest du, dass ich schon gut spreche? Eine in unserer Familie muss sich ja verständigen können und ich gehe sehr gerne in die Schule. Mein Mann ist nur einverstanden, weil er einsehen musste, dass es notwendig ist.“ Aus dem Nebenzimmer klingt ein Wimmern. „Ich muss nach meiner Mutter schauen. Sie haben sie nach ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Hoffnungslos, sagen die Ärzte. Sie hat starke Schmerzen.“
Während ich auf sie warte, wird die Eingangstüre aufgerissen und vier Männer betreten die Küche. Sie blicken mich grußlos an. Einer holt aus dem Kühlschrank eine Flasche, der andere stolpert über einen kaputten Kindertraktor, flucht und wirft diesen zornig in die Ecke. Sie verschwinden in einem Zimmer links von der Küche. „Mein Mann und meine Brüder sind immer schlecht gelaunt, wenn sie nach Hause kommen“, entschuldigt sie sich. Sie reicht mir eine Tasse Kaffee. In der Mitte des Tisches liegen Erlangscheine, Formulare und Rechnungen.
„Kannst du mir bitte beim Ausfüllen helfen? fragt sie mich. Sie greift nach einem Zettel, auf dem ein Betrag von 2000 Euro als bezahlt bestätigt ist, ohne Stempel, mit einer unleserlichen Unterschrift der Friedhofsverwaltung. „Mein Vater ist vor drei Monaten gestorben. Wir haben das Grab bezahlt mit dem Geld seines Bruders. Wir haben auch für das zweite Grab vorausbezahlt, wenn meine Mutter…“ Sie fährt mit der Hand über ihre Augen, bevor sie fortfährt. „Und nun möchten sie denselben Betrag noch einmal. Ich bekomme am Telefon keine Auskunft. Kannst du für mich anrufen?“ Sie schiebt mir ein altes Mobiltelefon zu.
„Friedhofverwaltung, Walter Fritz, guten Tag. Was kann ich für sie tun?“ „Guten Tag. Hier spricht Isolde Meier, ich möchte eine Auskunft über die Zahlungsbestätigung für zwei Gräber der Familie Zagoriz.“ „Können Sie mir das buchstabieren?“ Seine Stimme klingt ein paar Nuancen tiefer. Während ich beim Buchstabieren bei Richard bin, unterbricht er mich.
„Zagoriz Murad? Ich erinnere mich an diesen Fall. Die wollen zwei Gräber, wobei eines für die Mutter ist, die noch nicht einmal gestorben ist. Aber die dürfen wir dann nicht in das Grab ihres Mannes legen. Religiöse Gründe!? Lächerlich, aber die haben ja immer Ausnahmen, diese Ausländer. Ist ja furchtbar, dass Sie sich für die Zigeuner einsetzen, aber da kann ich ihnen gleich sagen, liebe Frau Gnädigste… " „Ich setze mich für sie ein, weil ich mit ihnen befreundet bin. Und nun suchen Sie mir bitte die Bestätigung heraus.“ „Ja, Gnädigste, das geht heute nicht mehr.“
Das Wort „Gnädigste“ zieht er in die Länge. Ablehnung, ein Nichtverstehen können liegen in diesem Ton. Ich kann mir gut vorstellen, was ihm auf der Zunge liegt, und dass er dies nur unterlässt, um nicht in den Verdacht zu geraten, ein Rassist zu sein. Er ist ein vorbildlicher, österreichischer Beamter. „Warum können Sie die Bestätigung nicht ausdrucken? Das kann doch kein Problem sein.“ „Ich finde im Computer keinen Zagorwak; da muss ein Irrtum vorliegen, und übrigens ist für diese Familie mein Kollege zuständig. Der kommt erst in zwei Wochen aus dem Urlaub zurück.“ „Zagoric Murad, heißt er. Muss ich es Ihnen noch einmal buchstabieren. Oder soll ich mich an eine Ihnen übergeordnete Stelle wenden, Herr Fritz?“ „Fitz, wenn ich bitten darf, liebe Frau Meier", antwortet er in einem zornigen Unterton. „Und sagen Sie der Familie, mit der sie so gut befreundet sind, dass sie morgen mit der Post die Bestätigung bekommt. Die Briefgebühren müssen sie selbst bezahlen.“ Grußlos legt er auf.
Yerma legt ihre Hand auf meine. „Danke, Isolde.“ „Gerne geschehen, gnädigste Frau Zagwowak“, spotte ich den Beamten nach. „Können Sie mir das buchstabieren?" antwortet Yerma lachend. Mit selbstbewusster Stimme ruft sie nach ihrem Mann und drückt ihm die Kinder in die Hand. Sie möchte mich ein Stück begleiten.
Vor der Haustür bleibt sie stehen, sieht mich lange an. Dann nimmt sie ihr Tuch ab, greift nach meiner Schirmkappe, drückt diese auf ihr langes, schwarzes Haar. Das rote Kopftuch mit den goldenen Borden bindet sie mir um den Kopf. Sie lacht, nimmt mich an der Hand. Beim türkischen Obststand bleibt sie stehen, nimmt einen Apfel, begutachtet diesen von allen Seiten, bevor sie Düskün 30 Cent in die Hand drückt.


