Danube-Networkers
Zeitreise mit der Donau
Text: Lieselotte Stiegler
400 Stufen in die Einsamkeit. Ich bin Turmeremit im Dom am höchsten Punkt von Linz. Ich gebe mir eine Perspektive von einem Ort aus, der mich hinunterblicken lässt auf die Welt, auf die Donau, auf die Menschen mit ihrem Alltag. Von einem realen Punkt Realität beobachten, wahrnehmen, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Ein Isoliert-Sein mit visueller Verbindung über dem Glockenturm, der Zeit vorgibt und gleichzeitig mein subjektives Zeitgefühl dehnen, über Grenzen tragen wird. Ich stehe in Relation zum realen Stadtbild mit seinen Gebäuden, Kirchen, der Donau und meiner Fiktion als stiller Beobachter, als Eremit. Eine Geschichte beginnt sich zu schreiben:
Ich blicke durch mein Turmzimmer auf die Donau. Die Konturen ihres Ufers liegen verschleiert im Nebel. Eng schmiegen sich die Häuser an den Fluss, der mich und meine Gedanken über die Wellen trägt. Die Donau verbindet Gebäude, Häuser, Monumente, Kirchen und die Menschen der Stadt Linz.
Ich winke der Donau, winke den Wellen, die aus ihrem Bett wachsen. Ich winke der Nibelungenbrücke, die zwei Stadtteile und auch ihre Realität mit meinen fiktiven Bildern verbindet. Und wird nicht jede Stadt in diesem Wechselspiel von Realität und Fiktion lebendig?
„Es gibt keine verlorene Zeit, nur eine vergessene Zeit. Komm, wir machen eine kleine Zeitreise durch die Stadt“, ruft mir die Donau zu mit ihrem silbern verlockenden Blick.
Ich spüre mich von Wellen getragen und lausche dem Fluss.
„Wir sind jetzt im Jahr 799, erzählt sie. Siehst du die Kirche, die sich bescheiden hinter den mächtigen Bäumen versteckt? Schau, wie klein der Markt ist. Wir müssen uns durch kein Häusermeer schlängeln. Diese Kirche heißt „Capella“. Sie behütet das Volto-Santo Kruzifix von Lucca. Das Gesicht wurde von Engeln geschnitzt. Sicher sagen die Menschen später, das sei nur eine Legende. Sie werden die Kirche dann auch Martinskirche taufen. Das weiß ich, denn in mir fließt die Zeit, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
„Nun fließen wir in das Jahr 1491 zur Mariä Himmelfahrtkirche. Ich mag ihren ihre spätgotische Majestät mit dem weithin sichtbaren Turm. Heute bekommt sie ihre Glocke. Sie wird nach Kaiser Friedrich III. die Friedrichsglocke benannt. Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen, wird hier Anton Bruckner 1855 als Stadtpfarrorganist tätig werden.“
„Wir treiben nun in das Jahr 1772. Die Ursulinenkirche mit den zwei grünen Zwiebeltürmen wird dir sicher gefallen. Es ist ein Ort, an dem Mädchen ein Bildungsrüstzeug für das Leben bekommen. 1777 werden die Ordensschwestern die erste Hauptschule mit 300 Mädchen gründen und Kaiser Josef II. wird einen persönlichen Besuch abstatten, um sich von der hohen Qualität des Unterrichts überzeugen zu können. Es gibt eine schöne Legende über die heilige Ursula. Im 13.-15.Jhrd werden in vielen Orten z.B. Köln, Straßburg, Krakau die „Ursulinenschifflein“ eine wichtige Rolle bilden. An das Schifflein der heiligen Ursula wird sich die Vorstellung einer geistigen Fracht frommer Werke knüpfen. Bischöfe, Könige. Äbte und Universitäten werden sich unter den Schutz der heiligen Ursula stellen.
Wenn wir nun weiter in das Jahr 1938 fließen, werde ich von einem ohnmächtigen Zorn ergriffen. In diesem Jahr wird der Nationalsozialismus die Kirche in Beschlag nehmen und alle Ordensfrauen ausweisen.“
Ich ritze die Worte in die Wellen:
Sie sind noch nicht verschwunden
die Schuldner mit der Schuld
an Bäumen hängt noch Laub
vergangener Jahreszeiten.
„Ja, mit weißen Handschuhen kratzen sie noch immer Rinde von den Stämmen“, erwidert die Donau. Komm, wir fahren weiter. Siehst du das fantastische Gebäude zwischen der Nibelungenbrücke und dem Brucknerhaus? Jetzt, am 18.Mai 2003, wird das Kunstmuseum LENTOS eröffnet. Ich liebe es, wenn in der Nacht durch die transparente beleuchtete Glashülle ihr Licht auf meinen Wellen schaukelt. Ja, diesen Ort haben sie gut gewählt, direkt neben mir, sagt sie mit Stolz in der Stimme. Denn Kunst ist Bewegung über Länder. Und wer könnte das besser als ich? Wenn ich ganz langsam ströme, werfe ich einen Blick in die Galerie und kann die Bilder von Klimt, Schiele, Kokoschka und noch vielen anderen bewundern. Weißt du, was“ lentos“ heißt? Es bedeutet biegsam, gekrümmt. Und ich fließe in einer Krümmung durch das östliche Stadtgebiet.
Da vorne auf der Brücke lasse ich dich aussteigen, denn ich sehe in der Ferne schon ein Schiff, es gibt Arbeit.“
Schon stehe ich in der Mitte der Brücke zwischen meiner Wirklichkeit und der Fiktion, blicke abwechselnd auf die Donau und das Eremitenzimmer.
„Spann doch ein Seil bis zu dem Punkt, an dem du dir wieder die Hände reichen kannst“, ruft sie mir zu.
Ich blicke vom Eremitenzimmer auf die Donau und sehe unzählige Ursulaschiffchen auf ihr schaukeln. Aus einem steigt eine Frau, winkt mir zu.
Ich beginne zu schreiben:
Ich spüre die Stadt in einer Stadt.
Auf rahmenlosem Fenster malt sie ihre Augen, in dem sich Fiktion und Wirklichkeiten spiegeln.
Autorin: Lieselotte Stiegler, für eine Woche als Eremitin im Turm zu Linz, eine Projekt im Rahmen „Kulturhauptstadt 2009 Linz“.


