Danube-Networkers

Cornel Axente

Text: Dunja Loncar Pticek



Vor etwa 25 Jahren entschieden wir uns, mein Mann und ich, mit unseren damals etwa zehnjährigen Töchtern, eine kurze Reise nach Wien zu machen. Am ersten Morgen beim Frühstück am Campingplatz  bemerkten wir eine fröhliche Familie vor dem Nachbarszelt. Es waren auch zwei Mädchen dabei, die Jüngere im Alter unserer Kinder. Nachdem wir uns scheu angelächelt und freundliche Grüße ausgewechselt haben, begannen wir miteinander zu reden. Die Familie kam aus Rimnicu Vilcea in Rumänien. Die Eltern, Silvia und Paul, beide Geologen, wollten ihren Kindern eine andere Welt zeigen als sie sie damals im eigenen Land gewohnt waren. Der Zweck unserer Reise war eigentlich derselbe. Wir unterhielten uns. Aber in was für einer Sprache?  Einige Worte in Englisch, einige Französisch, Italienisch, sogar Latein, eine Menge von Gesten, Lächeln, .... man könnte es "die Sprache der guten Absicht, Freundschaften zu schließen" nennen.

Nach einigen Tagen verabschiedeten wir uns. Ich war überzeugt, wir werden uns nie wieder treffen. In welcher Sprache könnten wir einander schreiben? Doch ich habe mich geirrt.

Im nächsten Frühling fand ich einen Brief aus Rumänien in unserem Briefkasten -  in Deutsch geschrieben von Silvia's 80-jährigem Onkel Cornel. Silvia, Paul und die jüngste Tochter wollten uns besuchen. Super! Was für eine gute Idee! Unsere Freunde kommen in unser Heim!

Wir verbrachten eine schöne Zeit zusammen – in Slawonien, in Zagreb und in Postojna. Für den nächsten Sommer waren wir nach Rumänien eingeladen worden. Mit großer Freude haben wie die Einladung angenommen und begannen, Luftschlösser zu bauen.

Cornel schrieb seine Briefe. In jedem wiederholte er die Einladung,  - fügte aber auch eine Warnung hinzu. Er warnte uns, nicht zu optimistisch zu sein, dies und jenes könnte ein Problem sein. Es gebe Mangel an Nahrung und Benzin, schlechte Straßen, schikanierende administrative Regelungen, ... Er sagte, er werde uns an der Staatsgrenze erwarten, um uns die Fahrt nach Rimnicu Vilcea angenehmer zu machen. Wir missachteten alle seine Warnungen. Wir konnten nicht begreifen, wovon die Rede war.

Da waren wir. Erst mussten wir lange auf der Donaubrücke warten und dann wieder an der Staatsgrenze. Auf der anderen Seite sahen wir einen betagten, grauhaarigen Herrn im regen Gespräch mit einem Grenzbeamten. Es war Cornel – unseretwegen ignorierte er die Schwäche seines Alters. Unterwegs begannen wir seine Warnungen zu verstehen. Es war eine lange Fahrt, und keine Raststätten, keine Gasthäuser und keine Tankstellen unterwegs. Dank Cornel kamen wir heil zu Silvia und Paul.

Wir wurden mit offenen Armen und warmen Herzen empfangen. Zu jener Zeit war es den Rumänen verboten, ausländische Gäste im eigenen Haus zu beherbergen. Unsere Gastgeber übernahmen das Risiko. Paul schlürfte Benzin aus seinem Tank, um unser Auto mit Benzin zu versorgen. Wir waren zu viert, und Sivia kochte für uns, für sich und ihren Mann, ihre vier Kinder und einen Schwiegersohn, Cornel und seine Frau, Letizia - dreizehn Personen – während man beim Fleischer nur "Computer" = Schweineköpfe und "Adidas" = Schweinehaxen kaufen konnte. Außer Haus war Cornel immer dabei, um uns vor aufdringlichen Kindern zu schützen, die um Kaugummi und Zigaretten bettelten. Und zum Schluss, auf dem Weg zurück zur jugoslawischen Grenze, schaffte er es, in einem vernachlässigten Bauernhof einen Kanister sehr schlechtes und sehr teueres Benzin zu  besorgen.

In unseren Reiseplänen fuhren wir nach Bucharest, ans Schwarze Meer, nach Transsilvanien, .... Rumänien war nicht so bezaubernd, wie wir es uns vorgestellt haben. Nur in Gedanken  konnte man seine Schönheit wahrnehmen unter den Wunden, die die langjährige Ceausescudiktatur hinterlassen hat. Das Land enttäuschte – Cornels Familie begeisterte uns. Wir haben das Leben einer ehrlichen, selbstlosen und aufopfernden Familie unter sehr harten Umständen kennengelernt.  Für uns, besonders aber für unsere Kinder, war es eine  perfekte Schule für Bescheidenheit, Selbstlösigkeit und Gastfreundlichkeit.

Zu Hause zurück, vergaß ich,  sofort zu schreiben. Das neue Schuljahr hat begonnen, ich hatte viel zu tun, ..... Von Tag zu Tag verschob ich das Schreiben. Und dann kam "unser Krieg". Wir zogen aus Slawonien nach Zagreb und die Adresse ging verloren.

Sehr oft gehen meine Gedanken zurück zu unseren rumänischen Freunden. Ich habe Silvias und Pauls Familiennamen und die Namen  der Kinder vergessen, aber ich kann mich sehr gut an die Gesichter von Cornel und Letizia Axente erinnern. In der Zwischenzeit sind sie verschieden und ich schäme mich sehr, nicht rechtzeitig  geschrieben zu haben.

Vielleicht liest ein Bekannter von Silvia und Paul diesen Text und  übermittelt ihnen meine Gefühle. Ich wäre sehr froh darüber. Wir könnten wieder Kontakt aufnehmen....  Es wäre wunderbar!




Organisation
U3A Zagreb
Date
27.04.2010
Category
Intercultural


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