Danube-Networkers
Interview mit Dr.Wolf-Henning Petershagen
Interview: Christel Freytag und Brigitte Nguyen-Duong
Photos und Kamera: Michel Nguyen-Duong
am 27. August 2009 zu seinem neuen Buch „Kleine Geschichte der Ulmer Schachteln"
Herr Petershagen ist Redakteur bei der Tageszeitung Südwestpresse in Ulm. Er ist Autor mehrerer Bücher zu Themen der Ulmer Geschichte. Sein letztes Werk erschien vor einigen Wochen mit dem Titel: „Kleine Geschichte der Ulmer Schachtel."
Gitti: Sie haben ein neues Buch über die Ulmer Schachteln geschrieben, was hat Sie dazu bewogen?
Es ist das erste Mal, dass die gesamte Geschichte der Ulmer Donauschifffahrt kurz zusammengefasst ist mit sehr viel Bildern, d. h. leicht lesbar, das Publikum, das sich für das Thema interessiert, ist nicht überfordert.
Christel: Was ist das faszinierende an der Ulmer Schachtel?
Die Ulmer Schachtel hat mehrere Seiten. Wasserfahrzeug ist nur eine Komponente. Für die Ulmer symbolisiert das Weltoffenheit und Fernweh. Das Ganze hängt natürlich auch stark mit der Bemalung der Schachtel zusammen. Sie hat diese schwarz-weißen Streifen, das sind die Ulmer Stadtfarben. Allerdings muss ich dazu sagen, dass die Schiffe die ganze Donau hinunter diese Zeichnung tragen, das wissen die Ulmer nur nicht. Deshalb vereinnahmen sie diese Wasserfahrzeuge für sich. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es diese Wasserfahrzeuge, die es früher auf der ganzen Donau gab, nur noch in Ulm gibt.
Gitti: Wie unterscheidet sich eine heutige Schachtel von ihrer ursprünglichen Form?
Eigentlich total. Was es mit der Urform noch gemeinsam hat, ist, dass es keinen Kiel gibt. Es sind flache Flussschiffe. Früher ging der Bug vorne rund hoch. Dann waren die Schiffe früher nicht mit Motoren betrieben. Motore braucht man eigentlich erst, seit der Lauf der Donau immer mehr gehemmt wird durch Kraftwerke. Die Kraft, die man dem Fluss entzieht, muss man dem Schiff wieder zuführen, sonst kommt es nie da unten an. Die modernen Reiseschachteln haben auch eine Infrastruktur, angefangen von Kühlung, damit das Bier kalt bleibt. Es ist eigentlich ein High-Tech-Fahrzeug geworden in altem Gewand.
Gitti: Die Ulmer Schachtel ist ein Symbol für die Völkerverbundenheit entlang der Donau. Denken die Ulmer in Zeiten der offenen Grenzen beim Anblick einer Schachtel noch an Fernweh und Weltoffenheit?
Man sollte dies nicht allzu sehr überhöhen, aber ich denke, jeder Ulmer hat die Ursehnsucht, einmal auf so einer Schachtel die Donau hinunter zu fahren, weil das etwas Herrliches ist. Stichwort Entschleunigung: Es geht schön langsam. Man hat Kontakt mit den Donauanrainern. Wo man anlegt, wird man freundlich und freudig aufgenommen. Was natürlich nicht von selber geht, sondern das ist eine Frage der Vorbereitung, und da unterscheiden sich auch die verschiedenen Ulmer Vereine. Es gibt in Ulm 5 Reiseschachteln. z.B. die der Gesellschaft der Donaufreunde, die da drüben diese große Schachtel betreibt. Die fühlen sich ein bisschen als die Botschafter Ulms. D. h.: bevor sie fahren, wird Kontakt zu den Gemeinden aufgenommen, wo man hinkommen wird, und es gibt dann meistens dort Empfänge.
Christel: Sie haben die Donau von Ulm bis zum Schwarzen Meer schon befahren. Welchen Teil fanden Sie am Faszinierendsten?
Am schönsten sind eigentlich die Engstellen: eines der schönsten Stücke ist am Donaudurchbruch bei Weltenburg, vor Regensburg, wo man durchfährt.
Den größeren Maßstab haben wir noch beim Eisernen Tor, das inzwischen durch die Anstauung sehr verändert wurde. Der Wasserspiegel dort ist um 30 m gestiegen, aber das sind natürlich die reizvollsten Stücke.
Gitti: Herr Petershagen, wir danken Ihnen für das Gespräch.




