Danube-Networkers
Interview über "Das Leben an der Donau"
Interview: Marlene Faul und Hannelore Bürgers
Fotos: Marlene Faul
Interview mit Herrn Dr. Peter Seif und seiner Ehefrau Christin Seif. Sie wohnen beide in einem Haus in Neu-Ulm, direkt an der Donau gelegen. Herr Dr. Seif ist Zahnarzt und hatte bis zum Anfang seines Ruhestands seine große Praxis ebenfalls in diesem Haus.
Sie wohnen ja wirklich herrlich in diesem Haus so direkt an der Donau. Wann ist das Haus denn erbaut worden?
Herr Seif: Das wurde im Jahre 1951 von meinen Eltern erbaut. Als meine Frau und ich 1962 heirateten, hatten wir hier unsere Wohnung und meine Frau war glücklich, wieder an der Donau zu leben, da sie bis dahin mit ihren Eltern nur ein Stück Donau-abwärts wohnte. Außerdem kamen ihre Eltern 1950 aus Landshut, wo sie quasi mit Isarwasser getauft wurde.
Frau Seif: Ja, ich fühle mich hier am Wasser wirklich sehr wohl. Wenn ich morgens mein Fenster öffne, umfängt mich eine wunderbare, klare und erfrischende Luft. Ich sehe schon die morgendlichen Jogger, die Radfahrer, wie auch sie die Luft genießen. Natürlich kann dies nicht im Herbst sein, in dem es in Ulm, und natürlich besonders an der Donau, viel Nebel gibt. Aber ich empfinde diesen Fluss hier wie eine Düse, die den Wind als auch den Nebel hindurch treibt.
Auf dem Wasser und an seinen Ufern kann man viele Enten, Schwäne - zur entsprechenden Jahreszeit mit ihren Jungen - beobachten Dieses Jahr stellte ich fest, dass es besonders viele Möwen gibt, die zum Teil sehr aggressiv sind, sie greifen uns an und sitzen auf unserem Dach und verschmutzen es natürlich. Aber trotzdem bringen sie viel Freude.
Nicht zu vergessen ist das Leben auf dem Wasser mit seinen mannigfachen Booten. Da kommen die Ruderer vom Einer bis zum Achter, flussabwärts sehr rasant, aber zurück doch schwerer. Dann kommen die vielen modernen Kajaks, sie sind der Strömung wegen nah am Ufer, oft hatten wir deshalb Sprachkontakt und so manchen Durst habe ich schon gestillt. Ganze Familien planschen daher, auf und in Schlauchbooten. Bei schönem Wetter ist unsere Familie in früheren Jahren auch oft in der Donau geschwommen.
Sie wohnen ja auch auf sehr geschichtsträchtigem Gelände. Wurden hier nicht früher die Ordinari-Schiffe auf ihre große, risikoreiche Fahrt die Donau hinunter bis nach Wien gestartet?
Ja, Sie sprechen hier ein interessantes Thema an. Diese besonderen Schiffe wurden hier tatsächlich auf die Fahrt geschickt, gebaut wurden sie ca. 200 m weiter flussaufwärts auf dem Schopper-Platz . (Int: Dieses besondere Thema haben wir in unserem Interview mit dem Schriftsteller Dr. Wolfgang Trips über sein Buch „Das Ordinarischiff" extra beleuchtet).
Wie oft sitzen wir in unserem Garten am Wasser und sinnieren über diesen Fluss nach, gehen in Gedanken mit auf die Reise dieses zweitgrößten Flusses in Europa, 2300 km mit dem Schiff, was kommt dann, bis er ins Schwarze Meer mündet? Bei uns hier am Haus ist das Wasser der Donau meist braun, bei trübem Himmel spiegelt sie sich in einem Bleichgrau wider. Mit Schwung und Heftigkeit, aber auch mit Ruhe fließt er dahin - wie der Strom des Lebens. Sie sehen, am Fluss wird man richtig romantisch, oder nachdenklich?
Natürlich gibt es noch andere Möglichkeiten, den Fluss und sein Leben daran zu betrachten: Schauen Sie gegenüber, am württembergischen Ufer, die riesige Stadtmauer Ulms. Die Bauwerke dort sind ja sehr zahlreich: das große Haus gegenüber ist der Grüne- oder Ochsenhäuser Hof, in dem schon Kaiser Friedrich Barbarossa nächtigte (ungefähr im Jahre 1180), nach der imposanten Herdbrücke kommen eine ganze Reihe gut erhaltener historischer Bauten, der Metzger-Turm, die von Flößern genützte Blau fließt in die Donau, danach der Fischerplatz, hier herrscht heute noch täglich ein großes Treiben, schöne historische Restaurants befinden sich hier, es findet sich auch z.B. eine Gedenktafel für die Schiffer und deren Fahrten auf der Donau. Das Ufer ist recht breit, oft gehen wir hierher. Von hier aus wird das Fischerstechen durchgeführt, auf den Plätzen der Bindertanz, alles, alles an der Donau und wir genießen dies. Man spürt hier richtig, welche kaufmännische und wirtschaftliche Bedeutung mit diesem Fluss verbunden ist. Das Gasthaus „zur Forelle" zeigt, dass es auch Fische gab, das „Zunfthaus" wurde von den Schifferleuten gegründet. Viel könnten wir über die Historie sprechen, denn mit ihr ist unser ganzes familiäres Leben verbunden. Vergessen sollten wir auch nicht den gegenüber von unserem Haus gestarteten Flugversuch von A. Berblinger im Jahre 1811.
Welches bunte Treiben gibt es noch an Ihrem Haus?
Sie denken bei dieser Frage sicherlich an das jährlich im Sommer stattfindende Nabada, ins Hochdeutsche übersetzt: hinunterbaden. Da besitzen wir natürlich den herrlichsten Platz zum Zuschauen. Direkt bei uns findet das bunte Treiben statt: es ist einfach so, dass sich die Bürger der beiden Städte Ulm und Neu-Ulm auf der Donau treiben lassen. Ein Flussumzug mit vielen themenorientiert dekorierten Schiffen; auf Zillen sind ganze Orchester mit ihren Instrumenten; zwei Ordinari-Schiffe fahren unter musikalischer Begleitung: auf dem einen ist der Oberbürgermeister von Ulm mit seiner Crew auf dem anderen die von Neu-Ulm. Aber die ganz große Buntheit auf dem Wasser bringen die vielen kleineren und größeren, immer geschmückten Boote und vor allem die schwimmenden Nabader. An diesem Tag laden wir uns Freunde ein und sie sind alle begeistert, wie komfortabel sie den Umzug auf dem Wasser genießen können. Die meisten Zuschauer stehen natürlich direkt am Ufer oder auf der Stadtmauer, und häufig werden sie kräftig von den Nabadern bespritzt.
Was möchten Sie uns noch sagen?
Ich möchte aber doch noch andere Ereignisse an der Donau berichten. Am 17.12.1944 wurde Ulm extrem stark beschossen, ein großer Teil der Stadt brannte lichterloh. Viele der
Bewohner strömten an die Ufer der Donau, denn dort war kein Flammenmeer und so wurde der Fluss wahrlich zu einem Lebensretter.
Auch können wir uns noch sehr gut an den außergewöhnlich kalten Winter des Jahres 1962/63 erinnern und es war wohl seit Jahrzehnten das erste Mal, dass die Donau total zugefroren war, wir konnten auf ihr hinüber nach Ulm laufen. Das war ein ganz großes Ereignis. Aber seit dieser Zeit ist dies nicht mehr geschehen.
Besonders im Frühjahr kommt ja immer wieder Hochwasser. In einer wild bewegten Donau mit extrem hohen Wellen treiben ganze Baumstämme samt Wurzeln, was unheimlich wirkt, fast Angst bereitet, besonders natürlich auch um unser Haus, denn Wasser hat ja speziell auch bei diesem Tempo eine unheimliche Kraft.
Noch ein Schlusswort bitte!
Ja, wir möchten gerne besonders betonen, wie gerne wir hier mitten in Ulm/Neu-Ulm in der Stadt und doch in der Natur an der Donau leben. Und wieviel Vergnügen es uns bereitet, einen Winterspaziergang am Ufer entlang zu machen, mit der roten, sinkenden Sonne vor uns, ein Gang im Frühling, wenn das Licht wie Quecksilber auf den noch kahlen Zweigen glitzert, oder im Sommer, wenn die weißen Wolken sich im Wasser spiegeln und wenn wir in der Wärme eines Julimittags unseren Garten an der Donau genießen und dabei oftmals die Zeit vergessen.
Das können wir voll verstehen und wir wünschen Ihnen noch viel wunderbare Zeit hier in Ihrem Haus an der Donau.
Wir haben ein Foto von Ihnen und Frau Bürgers gemacht, dürfen wir dieses veröffentlichen und sind Sie auch einverstanden, dass wir diesen Beitrag anderen interessierten Menschen zugänglich machen?
Ja, selbstverständlich.




