Danube-Networkers
Die Donau – ein Märchenfluss
Nacherzählung der "Historie von der schönen Lau" von Eduard Mörike, Insel Taschenbuch 72, Insel Verlag Frankfurt Main 1972.
Foto(s): Bärbel König
Im Schwabenlande, bei dem Städtchen Blaubeuren, sieht man eine wundersame Quelle, der Blautopf genannt. Er sendet ein Flüsschen, die Blau, der Donau zu. Zuunterst auf dem Grund der Quelle saß ehemals eine schöne Wasserfrau, die schöne Lau. Sie war an diesem Orte nicht zu Hause. Sie war als Fürstentochter mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie, weil sie nur tote Kinder gebären konnte und das kam daher, weil sie stets traurig war. Ihre Schwiegermutter hatte geweissagt, dass sie nicht eher ein lebendes Kind gebären würde, ehe sie nicht fünfmal von Herzen gelacht hatte. Deshalb sandte der alte König seine Frau an diesen Ort, unweit der Donau, wo seine Schwester wohnte. Zu ihrem Zeitvertreib wurden ihr Kammerzofen und Mägde mit gegeben, die ihr alte Geschichten und Märchen erzählten, Musik machten, vor ihr tanzten und scherzten. Jedoch, die Schöne wollte nicht lachen. Alle Jahre kamen Boten des Königs die Donau herauf um zu hören, dass die Fürstin noch nicht gelacht habe. Die Wirtin Betha, ein frohes Weib, hatte nahe dem Blautopf einen Küchengarten. Ein Schutthügel neben dem Wasser schändete den Platz. Und so schmückte Betha diesen mit Früchten und Ranken. Die Lau bedankte sich bei ihr mit einem Zauberkreisel. Dies war der Anfang einer Freundschaft, während der die schöne Lau durch belustigende Erlebnisse zum Lachen gebracht wurde:
- Bethas Enkelkind auf einem Nachttopf sitzend,
- der Abt des nahe gelegenen Klosters, der Betha schallend küsste,
- über eine Ungeschicklichkeit des Sohns der Wirtin,
- über ihre eigene Ungeschicklichkeit beim Aufsagen eines Zungenbrechers.
Anlass des fünften Lachens war der Kuss des Sohns der Wirtin, im Übermut der ohnmächtigen Lau gegeben. Nachdem die Kunde von ihrem Lachen ihren Gemahl erreicht hatte, war dieser gekommen, um sie festlich heim zu holen. Zuvor nahm sie von ihren Gastfreunden Abschied, bedankte sich bei ihnen mit Geschenken und versprach, in jedem dritten Jahr Botschaft von sich zu geben und, dass sie, wenn sie wieder in ihrer Heimat, dort, wo die Donau am breitesten hineingeht in das Schwarze Meer, schwäbischen Landeskindern zu Rat und Hilfe sein werde. In dieser Märchennovelle von Eduard Mörike (1853) treffen zwei Kulturen zusammen. Die Verbindung vom Schwarzen Meer zum Blautopf über die Donau ermöglichte die Überwindung von Kulturdifferenzen, die Freundschaft stiftete und auf unterschiedliche Arten die Voraussetzung zur Lösung eines Problems ermöglichte.



