Danube-Networkers
Eine Fussgängerbrücke in Ulm
Text: Agathe Wende
Ich wohne auf der Ulmer Seite der Donau, auf dem Galgenberg. Zwischen diesem Wohngebiet und der Donau liegt eine Eisenbahnlinie. Über die Gleise und dann über den Fluss führt eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke. In der Nähe leitet die mehrspurige Adenauerbrücke, eine der großen Brücken Ulms, den Verkehr über den Fluss von Ulm nach Neu-Ulm. Auf der Fußgängerbrücke muss man keine Abgase einatmen. Sie ist deshalb ideal für Spaziergänger und Radfahrer.
Ich wohne schon seit vierzig Jahren in der selben Wohnung. Jahre, jahrzehntelang habe ich die kleine Brücke immer wieder überquert. Erst Kinderwagen schiebend, dann Kinder an der Hand auf dem breiten Brückengeländer entlang führend. Oft dachte ich: Es ist schön hier oben . Ich schirmte die Augen ab, in die Aussicht vertieft. Von der Brücke aus hat man den Blick aufs Ulmer Münster. Es kam auch vor, dass ich mich vorbeugte, über das Geländer nach unten blickte , um auf das frische Graugrün des Flusses zu sehen.
Doch heute bleibe ich dort, wo die Fußgängerbrücke in die breite Uferpromenade am Neu-Ulmer Ufer übergeht, manchmal mit Tränen in den Augen stehen. Hier ist mein Mann im Alter von 84 Jahren auf einem gemeinsamen Spaziergang gestürzt. Schwerhörig hatte er einen Radfahrer, der ihn in schneller Fahrt überholte, nicht bemerkt. Um ihm auszuweichen, sprang er zur Seite und fiel aufs Gesicht. Die Nase war gebrochen, Blut und grauer Brei. Wenn die Nase auch wieder hergerichtet wurde, war dieser Sturz doch der Vorbote eines endgültigen Abschieds.
Die namenlose Brücke ist so ein Stück meiner Biografie geworden.


