Danube-Networkers
Fünf Brücken nach Transdanubien. Vergiss’ Woodstock!
Text: Gerti Zupanich
Ein schwüler, heißer Sommerabend senkt sich über Wien. Ich brauche dringend Abkühlung! Entlang von Feldern kann ich bis zur Donau radeln. Ich wohne nämlich in Transdanubien, auf der linken Uferseite der Donau. Ich erobere ein freies Tischerl beim Gasthaus Birner an der Uferpromenade, bestelle ein „Seidel" (kleines Bier), warte auf mein Schnitzerl und sehe direkt ins zwei Meter entfernte Wasser: Segelboote gleiten vorüber, Kinder springen spritzend ins Nass, erschrecken die Entenschar. Eine friedliche Idylle, nur die Silhouetten der Hochhäuser auf der anderen Donauseite erinnern: wir sind in einer Großstadt.
Unschwer zu erkennen, mit Transdanubien habe ich nicht den westlich und südlich der Donau gelegenen Teil Ungarns, gemeint. Für Wienerinnen und Wiener sind unsere beiden Bezirke Floridsdorf und Donaustadt „trans", also drüber der Donau. Den Beinamen „trans" haben sie bekommen, weil noch vor zwanzig Jahren die linke Uferseite wenig besiedelt war. Heute ist sie zum Stadterweiterungsgebiet mit Zukunft geworden. Der Bau von drei zusätzlichen Brücken über die Donau wurde notwendig, um die neuen Ansiedlungen mit der Stadt zu verbinden. Die UNO errichtete ihren dritten Standort in Transdanubien, was ein wenig zur Internationalität dieser Bezirke beitrug.
Die kulturellen Sehenswürdigkeiten, die Wien auszeichnen, findet man „drüben" nicht: Keine traditionellen Prachtbauten wie am Ring, keine Monumente berühmter Persönlichkeiten, wenig was herzeigbar für den Tourismus ist, vom Gebäude der UNO abgesehen. Morgens wälzen sich lange Autokolonnen, U-Bahnen und Busse von Transdanubien über die fünf Brücken Richtung Stadtzentrum. Die Menschen verteilen sich auf Bürotürme, Einkaufszentren und Verwaltungseinrichtungen einer Metropole. Nur am Wochenende gehört die linke Donauseite mit ihren Freizeitparadiesen wieder den TransdanubierInnen.
Dass die Donau jemals Blau war, gehört wohl eher in den Bereich der Phantasie. Ob nun „blau" oder nicht, in Wien ist sie bereits zum ein reißenden Strom geworden. Jedes Jahr demonstrierte sie uns ihre Stärke, trat Jahrhunderte lang aus ihren Ufern. Bis wir ihr unsere menschliche Überlegenheit zeigten, hohe Dämme bauten und ihr Arme abschnitten. Wir überlassen die „Schöne blaue Donau", den Poeten, den Walzerkönigen und dem internationalem Schiffsverkehr, der uns mit anderen Ländern verbindet.
Unser Wienerherz gehört aber ihren Nebenarmen auf der linken Uferseite, der „Alten Donau" und der „Neuen Donau". Beide sind jetzt „tote" Nebenarme, lebendig sind ihre Ufergelände geblieben.
Die „Neue Donau" entstand beim Dammbau des Hochwasserschutzes vor 30 Jahren, wo sie von der „echten" Donau abgeleitet und zum stehenden Gewässer wurde. Das ehemalige Überschwemmungsgebiet wurde zur größten Binneninsel Europas - 21 km lang und 200m breit -. Ihr Name, ganz einfach: Donauinsel.
„Vergiss Woodstock" kommt zum „Donauinselfest", möchte man denjenigen zurufen, die noch nie das größte Freizeitfest Europas besucht haben. An drei Tagen drei Millionen BesucherInnen, die aus ganz Europa anreisen. Geboten werden auf extra aufgestellten Großbühnen Musik vom Schlager bis zu Rock und Pop. Internationale Stars wechseln sich bei den Konzerten ab und alles kann gratis genossen werden, Kleinkunst und Kinderprogramm mit inbegriffen. Erstaunlich, dass es trotz enormer Menschenmassen fast nie zu gröberen Ausschreitungen kommt. Initiatorin und Veranstalterin dieses Mega-Events ist die Wiener Stadtregierung, der das Fest, nicht nur Eigenwerbung, sondern auch wirtschaftlichen Erfolg bringt.
Nach diesen drei spekulativen Tagen kehrt Ruhe auf unserer Donauinsel ein und sie wird wieder zum ganz normalen Erholungsgebiet.
Die „Alte Donau" ist ein abgetrennter Altarm und somit Binnengewässer. Freizeiteinrichtungen wie, Strandbäder, Kleingärten, Sportvereine und Gaststätten entstanden am brachliegenden Ufergelände. Spaziert man heute entlang der Uferpromenade, geben sie noch immer Zeugnis vom „sozialen Wien", das nach dem ersten Weltkrieg Vorbild für die europäischen Städte war.
Auch noch in den 1960/70erJahren war für die heranwachsende Jugend des 21. und 22. Bezirkes, die linke Donauseite, ein Freiraum, den es täglich neu zu erobern galt. „Wo treffen wir uns heute", eine eher rhetorische Frage. Es war sowieso der „Tausenderbaum in der Rehlacke". Gleich nach der Schule aufs Rad geschwungen und zum besagten Baum. Der hatte seinen inoffiziellen Namen bekommen, weil er Start oder Ziel der Ruderregatten auf der Alten Donau war. Vom Start bis zum Baum waren es exakt 1000 m. Er stand so nahe am Ufer, dass er als Wendepunkt oder Ziel geeignet war. Zu einer Sache mit besonderem Nervenkitzel wurde in der Badesaison der Besuch des Gänsehäufls. Denn vom Tausenderbaum konnte ein halbwegs geübter Schwimmer - falls nötig, mit einem kurzen Tauchgang - in das Freiluftbad auf der gegenüberliegenden Insel gelangen. Normalerweise musste dafür eine Eintrittskarte gelöst werden. Wenn man aber den wachsamen Augen der Kontrolleure - in Wien heißen sie „Badewascheln" - entgehen konnte, war jeder gelungene Versuch kostenlos zum Wellenbad zu kommen, ein triumphales Erlebnis für die männliche Jugend. Sie schufen sich einfach eine „Schwimmbrücke" ins Bad.
Wien hatte und hat das große Glück sich auch als Stadt nach allen Seiten ausdehnen zu können. Doch westlich setzt der Wienerwald mit seinen Ausläufern der Alpen Grenzen. Die räumliche Zukunft scheint in Transdanubien zu liegen. Irgendwann wird das „Trans" verschwinden. Eigentlich schade.
Falls es mir einmal zu viel an Erholungswerten und am freiem Raum wird:
Ich habe ja fünf Brücken in die sprudelnde Welt einer Metropole, die in ein paar Minuten zu erreichen ist.



