Danube-Networkers
Die Brücke in die wilde Freiheit – die Reichsbrücke: Paradies zwischen Bombentrichtern
Text: Birgit Meinhard-Schiebel
Foto: Maria Dürr
Weshalb in der unendlichen Weite der Donauwiese riesengroße Löcher in der Landschaft waren, hat mich damals nicht interessiert. Zugewuchert mit Gestrüpp, überwachsen und ausgepolstert mit wildem Gras waren sie ideal, um hineinzurutschen und wieder hinauszuklettern. Kindheit am anderen Ufer der Reichsbrücke war die zweite Seite des Paradieses. Die Donauwiese hatte aber noch vieles mehr zu bieten. Sandige Spuren, ausgetrampelt von den Menschen, die sich dort von einer Seite Wiens zur anderen Seite durchschlugen.
Dazwischen, auf der Strecke, gab es die kleinen Raststätten. Beiseln in Reinkultur. Für die hungrigen und durstigen Donauinsel-BewohnerInnen.
Am Donaurand lagen die Fischerhütten, unverwechselbar mit ihren ausgehängten Netzen, die irgendwann zu Wasser gelassen wurden, um die Donaufische zu fangen. Traum der Kindheit war es auch, auf genau so einer Fischerhütte ein- und ausgehen zu dürfen - über den schmalen Holzsteg zwischen Ufer und Hütte.
Aber auch der Schulweg hat über die Donauinsel geführt, von der Mexico-Kirche hinüber nach Kaisermühlen. Manchmal, nein, öfter wäre es schön gewesen, in einer der Gruben unterwegs zu verschwinden anstatt drüben anzukommen.
Dass diese Gruben tatsächlich durch die Bombeneinschläge des kurz davor zu Ende gegangenen 2. Weltkriegs entstanden waren, war uns unbekannt. Niemand hat es uns erklärt, niemand davor gewarnt, ob nicht doch noch ein paar Relikte des Krieges darin verborgen sein könnten. Der Flug ins Paradies war sprichwörtlich näher als wir alle wussten.
Die Überschwemmungen der Donau
Die Donauregulierung hat bereits zu Kaisers Zeiten begonnen. Aber auch in den Jahren 1950 oder später gab es noch die eine oder andere Überschwemmung. In den Kellern des Gemeindebaus ein paar Gassen entfernt stand zum Gaudium der Kinder hin und wieder das "Wasser" und angeblich fuhren wir irgendwo im Waschtrog in den Schlammfluten herum.
Die Reichsbrücke
Wie oft ich über sie, die zweite Reichsbrücke mit ihren breiten Stahlträgern gegangen, gefahren, gelaufen bin, daran erinnere ich mich nicht mehr, Sie war einfach da, selbstverständlich. Die breiten grünen Stahlträger waren die Verlockung schlechthin. Mit Schwunge anrennen und ein Stück hinaufkommen, dann im Tempo wieder hinunterrutschen hat jede Rodelbahn ersetzt.
Zwischen den Welten
Die Reichsbrücke war immer schon die Verbindung zwischen den Welten. Der alten „Leopoldstadt", dem 2. Wiener Gemeindebezirk und „Kaisermühlen", dem heutigen 22. Bezirk Wiens.
Sind früher die WienerInnen über die Brücke gewandert, um jenseits der Stadt im Grünen alles zu tun, was die Zeit verlangte - Holz sammeln, billig Lebensmittel zu erwerben und zu essen und zu trinken, ein wenig Luft und Licht zu genießen, sind es heute die Büros und Veranstaltungsbauten, die als neue Skyline in den Himmel ragen. So genannte Freizeitparadiese dienen immer noch dem kleinen Glück. Aber sie sind um einiges teurer geworden und mit jedem neuen Bauwerk wird der grüne Fleck vis a vis der Stadt weniger.
Das neue Wien breitet sich nach der Reichsbrücke mit Krakenarmen aus und dringt in die Landschaft vor, die einmal zu den Donauauen gehört hat und eine wilde Fauna und Flora beherbergt hat.
Der Kampf um die letzten Reste einer ökologischen Idylle muss den Bedürfnissen der Stadt weichen.



