Danube-Networkers
Zwei Brücken – Pflicht und Kür
Text / Foto(s): Monika Pfiszter
Aufgewachsen bin ich in einer bayerischen Kleinstadt an der Iller, dieser Fluss mündet in Neu-Ulm in die Donau. Nach der Grundschule wurde ich zu einer Fahrschülerin, das heisst, dass ich mit der Eisenbahn jeden Tag 25 km nach Neu-Ulm und zurück fuhr, um dort das Gymnasium zu besuchen.
An die Sparsamkeit jener Jahre können sich heute wohl nur noch die Menschen erinnern, die sie selbst erlebt haben. Autos gab es schon, aber in unserer Kleinstadt nur für Geschäftsleute, Ärzte und höhere Beamte und Angestellte. Die Monatskarte zur Schule galt nur bis zum Bahnhof Neu-Ulm, der bayerischen Grenzstadt an der Donau. Der Bahnhof Ulm war am anderen Ufer der Donau, war nicht mehr in Bayern, sondern in Baden-Württemberg, Bus und Bahn dorthin kosteten zusätzlich, deshalb war Ulm für mich nur zu Fuß erreichbar.
Die Gruppe der Fahrschüler, ca. 10-12 Kinder, kam mit dem gleichen Zug an, lief gemeinsam den gleichen Fußweg zur Schule und fuhr in der Regel auch mit dem gleichen Zug zurück in die Provinz. Ich kannte einige Monate lang von Neu-Ulm nur den Weg zur Schule und wieder zurück zum Bahnhof, die Innenhalle des Bahnhofs und den Bahnhofs-Vorplatz.
Dann bekam ich einen Auftrag von meinem Vater. Er hatte eine kleine Werkstatt und brauchte Material von einem Lieferanten in der Karlstrasse in Ulm, das ich für ihn besorgen sollte. Die Wegbeschreibung meines Bruders lautete: Von der Schule über die Gänstorbrücke, die Gideon-Bacher-Str. entlang, die Frauenstrasse hinunter, überqueren bis zur Karlstrasse, dann war ich fast am Ziel. Der Rückweg führte über die Frauenstrasse, die Herdbrücke und das Neu-Ulmer Rathaus zum Bahnhof in Neu-Ulm.
Dieser Weg war sehr weit für mich, alles war fremd, ich fürchtete mich und schaute nicht nach rechts und nicht nach links, bis ich wieder sicher am Bahnhof Neu-Ulm gelandet war.
Die erste Brücke war die schwere Brücke: Ich musste über einen Ampelkreisel auf die richtige Seite kommen und relativ lange neben dem vierspurigen Verkehr laufen. Ich traute dieser Brücke nicht so recht. Ich lief zuerst langsam - damit ich noch zurück könnte, falls sie einstürzt - dann schnell über die Mitte und war immer erleichtert, am anderen Ufer zu sein. Den Rest des Hin- und Rückweges trottete ich pflichtbewusst und gottergeben. Aber dann kam die zweite Brücke auf dem Weg nach Hause, die Herdbrücke. Diese Brücke war und ist schmal und kurz und wie ein Gelenk zwischen die beiden Städte eingebunden. Diese Brücke hielt ich für sicher.
Die Herdbrücke verlockte mich, ohne Pflichten und ohne Umweg die Innenstadt von Ulm zu erforschen. Das erste Mal zögerlich, aber dann immer wieder, und mit zunehmender Vertrautheit. Diese Brücke führte zur Stadtbücherei im Schwörhaus, zum Schwimmbad gegenüber dem Rathaus, zum Münsterplatz und auch auf einem schönen Promenadenweg die Donau entlang. Noch heute gehe ich gerne und mit Vorfreude über diese Brücke .
Und noch heute laufe ich über die Mitte der Gänstorbrücke deutlich schneller. Die vielen Autos könnten sie ja doch noch einstürzen lassen.






