Danube-Networkers
Der beseelte Wassertropfen – Begegnung mit dem Fremden
Text: Ivan Kajgana
„Klatsch“ machte es, als der schöne große Regentropfen aus einer Gewitterwolke über dem Schwarzwald auf die Wasseroberfläche einer kleinen, mit Natursteinen ausgelegten Quelleinfassung landete. Aus der Nähe hörte er noch seine Schwester rufen: „Ich bin in einem Bächlein gelandet, das mich über Neckar und Rhein zum Atlantik bringt. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!“ Unser Tropfen aber sah sich um und konnte in der Spiegelung einer Tafel lesen, dass er in der mündungsentferntesten Donauquelle, 2888 km vom Schwarzen Meer entfernt, seine Reise auf der Erde beginnt. Breg heißt der Bach, der sich nach 48 km - knapp unterhalb der „offiziellen“ Donauquelle im Schlosspark von Donaueschingen - mit der Brigach vereinigen wird, um dann als zweitlängster Fluss Europas zehn Staaten und den verschiedenartigsten Menschen zu begegnen.
Der Tropfen ist ja – bei seinen unendlichen Reisen - fast schon in allen Gegenden dieses Planeten aus den Wolken gefallen und kennt daher sehr viele Kulturen und deren Protagonisten. Das Streben nach Macht und Gieren nach Besitz ist ihm fremd, daher kann er sich - naturgemäß in seinem Wissen um die Endlichkeit seines weltlichen Aufenthaltes - locker und gelöst auf die neuen Abenteuer freuen. Neben ihm nörgelt ein alter unverbesserlicher Artgenosse: „Jetzt werden wir wieder allen möglichen Fremden mit ungehobelten Manieren und eigenartigen Weltanschauungen begegnen, ich würde lieber für immer in meiner Wolke bleiben und keinen Andersdenkenden kennen lernen.“ Als sie dann aber das Holzrad einer für touristische Zwecke restaurierten alten Mühle antreiben durften, hatte auch der Alte seinen Spaß daran. Unterhalb der ältesten steinernen Brücke wurden sie von einem gewaltigen Strudel in die Tiefe gezogen und hörten daher nur aus der Ferne die gemütliche Unterhaltung der Menschen bei der historischen Wurstküche.
In Wien tanzten sie im ¾ Takt an den imperialen Gebäuden der Donaumonarchie vorbei und lernten den typischen „Schmäh“ kennen, der nicht immer zwangsläufig auch sympathisch sein muss. Ein melancholisches slawisches Lied erinnerte beim Vorbeitreiben an der vorbildlich wiederhergestellten Burg und Altstadt von Bratislava an die Jahrhunderte lang ertragene Unterdrückung des slowakischen Volkes durch die verschiedensten Machthaber. Beschwingt euphorisch im Csardastakt ging es an Budapest vorbei, allerdings etwas getrübt durch eine Versammlung von uniformierten „Freiwilligen“, die für eine längst überholte Ideologie Stimmung machten.
Am Schnittpunkt der seit Menschengedenken um die Vormachtstellung der Kulturen und Religionen kämpfenden Völker – ab der Draumündung - gedenken unsere beiden der vielen Menschen, die ihr Leben für eine „Überzeugung“ lassen mussten, von der schon einige Jahre später keiner mehr etwas wissen wollte. Die zerstörten Häuser von Vukovar und gesprengten Brücken von Novi Sad sind zwar wieder aufgebaut – aber die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit sollten immer eine Mahnung bleiben.
Beograd – die am öftesten zerstörte und wieder aufgebaute Hauptstadt - legt ein imposantes Zeugnis für diese Wirrnisse ab. Durch die Enge des „Eisernen Tores“ werden die Wassertropfen nicht mehr über Riffe sprudeln, dafür aber zweimal durch gigantomanische Kraftwerksturbinen gequetscht. Der Geist von Freiheitskämpfern und Philosophen umweht uns am rechten Ufer in Bulgarien bei dem Städtchen Russe, wo Elias Canetti das Licht der Welt erblickte.
Am linken, rumänischen Ufer hat sich bei der Pruthmündung die neue „Republik Moldavien“ vom Donauufer ganze 900 Meter gesichert. Einer der drei Mündungsarme führt dann über ukrainisches Territorium zum Schwarzen Meer. Die beiden anderen bleiben in Rumänien. Im Gewirr von Schilfinseln und kleinen Seen in unberührter Natur hätten sich die beiden fast verirrt. Aber als sie am Leuchtturm von Sulina vorbei flossen, war der richtige Weg gefunden. Die gastfreundliche Bevölkerung verabschiedet unsere beseelten Wassertropfen, die sich freuen, wieder in den Dunst der Wolken aufzusteigen. „Dieses Kennenlernen Anderer war für mich eine wertvolle Erfahrung“, sagte der alte zum jungen Regentropfen - jetzt freue mich schon auf das nächste Mal!


