Danube-Networkers
Vergangenes heraufbeschwören
Text: Gerti Zupanich
Der Weihnachtsrummel vorbei und schon wieder packte mich das Fernweh nach dem Süden. Zur Zeit des Berufslebens brauchte ich Orte der Entspannung, Sonne und das Meer. Danach: die Suche nach Abenteuer, nach fremden Welten und Kulturen: Namibia, durch die Kalahari-Wüste nach Botswana zu den Khoi-San, den Buschmännern, Reisen in die USA und in den Westen Europas. Die persönlich unentdeckten „weißen“ Flecken von Europas Osten blieben.
Erst 2005 dann meine erste größere Reise in ein östliches Donauland:
Nur die Bahnfahrt und eine Übernachtung im Hotel in Brasov waren im voraus gebucht. Alles weitere - bei unserer Spurensuche nach Vaters Geburtsort in Rumänien und seiner Schulzeit in Brasov - würde sich finden, dachten wir. Würden wir überhaupt noch etwas vom Elternhaus und der Tuchfabrik sehen können?
Unser Fehler war, sich bei der Polizeidienstelle in A. danach zu erkundigen. Wir wurden vom uniformierten Portier, verschanzt hinter dicken Gitterstäben, nach dem Zweck unserer Erkundigungen gefragt, mussten lange warten, bis der Kommandant uns in sein Zimmer holte. Dort saßen wir beiden Frauen - durchaus nicht verängstigt - auf zwei schmalen Sesseln, er gegenüber hinter einem mächtigen Schreibtisch. Er könne viele Sprachen, nur Deutsch nicht: Fragen, Fragen, warum wir gekommen sind, wo wir übernachten, in Rumänisch/Französisch, und im rauen Ton eines Verhörs.
„Sind wir noch im sozialistischen Staat, wir schreiben 2005? So geht es nicht, wir brauchen eine Dolmetscherin“. Mit der kehrten wir zurück, ein intensives Palaver entstand zwischen beiden. Was ist daran so kompliziert, wir wollen doch nur die Adresse von Vaters Haus!
Der Kommandant drückt uns zwei Formulare in die Hand, die wir morgen ausgefüllt zurückbringen sollen. Von uns bekommt er sie sicher nicht, eher reisen wir weiter!
Erst später beginne ich zu begreifen: viele ehemalige Deutsch-RumänInnen kommen jetzt und wollen ihre Häuser zurück. Das hat er auch von uns angenommen. Um die rumänische Polizei machten wir künftig einen großen Bogen. Da sind mir unsere „Freunde und HelferInnen“ doch lieber.
Wir haben das Elternhaus auch ohne den Kommandanten gefunden, dank vieler Dorfbewohnerinnen, die uns unterstützt haben. Als wir etwas wehmütig vor Vaters Elternhaus standen, kamen die neuen Besitzer sichtlich aufgeregt heraus. Wir wussten bereits, warum sie beunruhigt waren, beseitigten das Misstrauen und sagten gleich, dass wir nur das Haus und die Fabrik fotografieren wollten.
Wir haben unsere Lektion gelernt: Zwei fremde Besucherinnen, die Vergangenes heraufbeschwören, das macht beiden Seiten Probleme.
Verbunden mit den östlichen Donaustaaten fühle ich mich erst seit unseren Begegnungen mit den Danube-Networkern. Es macht einen großen Unterschied, ob man von Wien zum Zahnarzt an Ungarns Grenze fährt, Bratislava oder Budapest als Touristin besucht, oder ob man direkten Kontakt mit den Menschen eines Landes hat und persönliche Gespräche führen kann.
Nach und nach werden die Unterschiede kleiner, die Kulturen transparenter, die Schicksale und Biografien eines langen Lebens beginnen sich zu ähneln.
Wir wünschen uns alle ein möglichst friedliches, sorgenfreies Leben, ohne Krankheiten und größere Schicksalsschläge.
Da ist es egal, welcher Nationalität, Religion, Hautfarbe oder Ethnie wir angehören!


