Danube-Networkers

Interview mit Dr. Ljiljana Gehrecke und Dara Mayer

Text: Bozena Loncaric und Gerti Zupanich

Bilder: Bozena Loncaric (1,4) / Gerti Zupanich (2,3)



Zerbrochene Brücken in Vukovar. Ein Interview mit Dr. Ljiljana Gehrecke und Dara Mayer

 

 

Vukovar ist seit dem letzten Krieg zum Synonym für Zerstörung und Gewalt geworden. Was wird uns dort erwarten? Diese Frage beschäftigt uns beide auf der Fahrt von Zagreb nach Vukovar.

In Vukovar angekommen, blicken wir vom Fenster des fünften Stockes des Hotels Dunav auf die Donau. Alles scheint so friedlich zu sein. Ein kleines Ausflugsboot fährt hinüber zum serbischen Ufer. „Geht denn das ohne Probleme?", fragt Gerti, „Wir werden Ljiljana und Dara fragen", meint Bozena. Mit beiden sind wir im Fisch-Restaurant, direkt an der Donau, verabredet. (1)

 

 „Wie geht es dir, Dara"?

„Ich komme gerade aus meinem Büro. Wir haben viel Arbeit und trotzdem geht das Gerücht um, die Firma wird aufgelöst. Das würde für mich bedeuten, in Pension gehen zu müssen und mit wenig Geld auskommen. Das Schicksal ist nicht gerecht zu mir. Im Krieg musste meine Familie mit drei Kindern nach Deutschland fliehen. Wir konnten nichts mitnehmen, nur das was wir am Körper hatten. In Deutschland konnten wir uns gut integrieren, hatten Arbeit. Ich wurde Altenbetreuerin und meine Tochter konnte eine Ausbildung machen. Doch nach 8 Jahren haben sie uns zurück nach Kroatien geschickt. In Vukovar waren noch Kämpfe und in unserer Wohnung lebte eine andere Familie. Jetzt haben wir wieder eine Wohnung und uns halbwegs eingerichtet. Wenn die Bank schließt, bin ich mit vielen anderen arbeitslos.

Das Leben in Vukovar ist sehr schwierig, es gibt keine Arbeit und kaum Perspektiven." Meine Geschwister konnten in Deutschland bleiben, wir mussten zurück."

 

Bozena und Gerti können gut nachvollziehen, was Dara bewegt und nicht gerecht findet. Ihr Schicksal teilt sie mit vielen Familien in Vukovar.

Vukovar war 1991 eine tote Stadt in Trümmern. Die Ruinen werden langsam beseitigt. Die seelischen Wunden und Ängste bleiben. Die Zusammenführung der Ethnien schien nicht möglich zu sein. Kroatische und serbische Kinder besuchten getrennte Kindergärten und Schulen. Die Lebensumstände, wie an Daras Schicksal zu sehen, haben sich nur wenig verbessert, bleiben auch 2009 ohne Perspektive.

Die Hoffnung der Vukovarer richtete und richtet sich an Europa.  Ein Weg dazu ist das „Europahaus". Dieses wurde 2001 mit internationaler, privater und mit offizieller kroatischer Unterstützung ins Leben gerufen.

 

Wir dürfen Ljiljana Gehrecke nach den Zielen und Aufgaben des Europahauses fragen:

„Das wichtigste ist die Traumabewältigung", sagt sie. „Nicht nur die Folgen des Krieges, sondern alle Kränkungen des Lebens müssen ausgesprochen werden. Das fällt vielen Menschen schwer. Nicht in Schwarz/Weiß zu denken, nur der Feind ist schuld, ist eben nicht leicht. Erst danach lassen sich Einstellungen verbessern, kann ein Weg in eine positivere Zukunft gezeigt werden und auch, wie wichtig der Frieden für alle Menschen auf der Welt ist. Für jemanden, der seine ganze Familie im Krieg verloren hat, eine enorme Aufgabe"  

 

„Es liegt mir und allen im Europahaus daran, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Von Europa würden wir uns wünschen, dass die Integration voran schreitet. Das würde uns mehr Selbstvertrauen geben, und das brauchen wir."

 

Wir bedanken uns bei Ljiljana und Dara. Beide sind müde von einem langen Arbeitstag.

Bozena und Gerti bummeln durch die Stadt. Neu errichtete oder restaurierte Gebäude stehen neben zerstörten. Die Vukovarerinnen und Vukovarer machen einen Abendspaziergang, wie viele BewohnerInnen in anderen Städten. Sie wünschen sich Normalität und eine Zukunftsperspektive. Wir promenieren entlang des Ufers der Vuka bis zur Einmündung in die Donau. Dort steht ein Mahnmal in Kreuzform.

 

Bozena und Gerti wollen mit ihrem kroatisch-österreichischen Beitrag an Vukovar erinnern: An all die Menschen, die sich um die Verständigung zwischen den Ethnien bemühen und versuchen, einen Weg in eine friedlichere Zukunft zu finden.

 

(1)  Gerti kennt Dr. Ljiljana Gehrecke - Mitbegründerin und Präsidentin des Europahauses Vukovar - und Dara Mayer von einem Meeting in Ulm. Die Freude ist auf beiden Seiten groß, sich zu treffen.

 

 

VukovarBozena, Dara und Gerti




Organisation
VHS Ottakring/Hernals
Datum
11.12.2009
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