Danube-Networkers

Interview mit Herrn Hailbronner

Text: Hanns Hanagarth



Interview mit Herrn Hailbronner, tragendes Mitglied im Ulmer Schifferverein

Im Rahmen der Interview-Reihe Donau/Donauländer ist mein heutiger Gesprächspartner Dieter Hailbronner. Herr Hailbronner gehört einer alteingesessenen Ulmer Familie an,  ist quasi ein Ulmer Urgestein. Wie alle Generationen vor ihm ist auch er tragendes Mitglied im Ulmer Schifferverein, einem Verein, der uralte Traditionen pflegt und der eine ganz besondere Beziehung zur Donau hat.

 

 

Herr Hailbronner, welche Bindung/Verbindung hat Ihre Familie zur Donau?

 

Die Bindung unserer Familie zur Donau ist sehr stark. Sie hat Jahrhunderte von der Donau gelebt, und zwar als Fischerfamilie, aber auch als Donauschiffer, die den Transport von Waren die Donau hinunter durchführte.

 

 

Dann war also Ihre Familie immer schon Mitglied in diesem Schifferverein. Sind Sie praktisch mit Ihrer Geburt Mitglied im Schifferverein geworden?

 

Ja, das kann man so sagen. Der Schifferverein ist sozusagen die Nachfolgeorganisation der damaligen Zunft der Schiffsleute und war und ist immer auch eine Familiengemeinschaft. Und wenn man in eine solche Familie hinein geboren wird, ist man automatisch Mitglied.

 

 

Wieviele Mitglieder hat der Verein aktuell und welche Aufgaben hat er?

 

Der Schifferverein hat heute ungefähr 120-150 Mitglieder, so genau weiss ich es nicht. Seine Aufgaben bestehen im wesentlichen darin, dass er alle 4-5 Jahre das Fischerstechen organisiert und durchführt, und im übrigen in der Pflege der gesellschaftlichen Kontakte der Familien untereinander.

 

 

Sind die Mitglieder dann alle in gleichem Masse in die Vereinsarbeit eingebunden?

 

An sich ja, aber gut, es gibt schon Unterschiede. Manche sind sehr stark engagiert, und andere wieder weniger. Aber im Prinzip sind alle beim Fischerstechen dabei, bis hinab zu den 4-5 jährigen, das hat man ja beim diesjährigen Fischerstechen gesehen.

 

 

Nun hat ja das Fischerstechen auf der  Donau an den vergangenen beiden Sonntagen nach 5 Jahren wieder einmal stattgefunden. Haben Sie daran auch schon aktiv teilgenommen?

 

Ja sicher. Ich war Jahrzehnte dabei als Fahrer. Dann war ich jahrzehntelang Schriftführer des Vereins und einige Jahre 2. Vorsitzender. Aber ich habe diese Ämter jetzt nicht mehr und habe auch am Fischerstechen altershalber nicht mehr teilgenommen.

 

 

Was muss jetzt ein neu nach Ulm gezogener oder kommender Bürger tun, um Mitglied im Schifferverein zu werden?

 

Nun, es wird geprüft, ob er einer dieser Familien angehört oder hat er eingeheiratet, das sieht man in dieser Hinsicht nicht mehr so streng. Aber er muss, wie gesagt, einer dieser alten Fischer- oder Schifferfamilien angehören. Es kann also nicht jeder Mitglied werden.

 

 

Wie oft sind Sie selber schon mit der "Ulmer Schachtel" die Donau hinunter gefahren?

 

Ich war zweimal dabei. Einmal nach Wien und einmal nach Passau. Das war allerdings schon in den 50er und 60er Jahren.

 

 

Wieviel Mann sind denn bei so einer Fahrt dabei?

 

Das ist unterschiedlich, so 15-20. Ich bin ja nicht Mitglied der Gesellschaft der Donaufreunde, die diese Fahrten organisiert. Ich bin mitgefahren, weil ein Mitglied des Fischervereins diese Fahrten damals organisierte und der war auch bei den Donaufreunden Mitglied.

 

 

Schildern Sie mir doch bitte mal, wie so ein typischer Reisetag auf der Donau aussieht.

 

Ich kann nur von damals reden, aber es wird heute nicht viel anders sein. Es sind unterschiedliche Geschwindigkeiten, wir sind damals am ersten Tag bis Donauwörth gekommen. An der oberen Donau geht es schneller; wenn man dann weiter stromabwärts kommt in die flachen Bereiche, dann sind die Tagesetappen kürzer, manchmal nur ein paar Kilometer.

 


Was macht denn so eine Männergesellschaft den ganzen Tag auf dem Schiff, auf dem Fluß?

 

Wie gesagt, es sind jetzt 40 oder 44 Jahre her, aber man läßt es sich gut gehen; es sind auch Leute dabei, die etwas vom Kochen verstehen, so dass es auch entsprechendes zu essen gibt und natürlich auch zu trinken.Es wurde auch gebadet, ich kann mich noch erinnern an eine Stelle, an der die Fließgeschwindigkeit gering war. Damals war die Donau auch noch nicht so verbaut, also weniger Kraftwerke. Aber sonst sind auf dem Schiff keine großen Dinge "passiert".

 

 

Sie sagten, dass Sie mit der Ulmer Schachtel bis Wien gekommen sind. Waren Sie auf weiteren Reisen noch in anderen Donauländern?

 

Nein. Wien war bisher die östlichste Donau-Stadt, in der ich war.

 

 

Gibt es von einer dieser Fahrten ein besonderes Erlebnis, von dem Sie berichten können?

 

Nein, eigentlich nicht. Wie gesagt es liegt 40 - 50 Jahre zurück und für mich war die Teilnahme an sich  d a s  Erlebnis.

 

 

Hatten Sie im Laufe Ihres Lebens, das sich ja weitgehend in Ulm abgespielt hat, auch beruflich mit der Donau zu tun?

 

Nein. Ich war ja bei der Stadt beschäftigt und hatte mit der Donau direkt nichts zu tun, war also nicht in einem Amt, das in irgendeiner Form die Nutzung der Donau regelte.

 

 

Was bedeutet jetzt für Sie die Donau heute im Vergleich zu früher in politischer Hinsicht?

 

Es ist natürlich schon erstaunlich, wie die Donau in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist.
Durch die politische Entwicklung und die Öffnung des Ostens war dies aber vorprogrammiert, das ist klar. In Ulm hat man das schon sehr frühzeitig erkannt. Nehmen Sie z.B. das erste Donaufest, das war 1989 und nannte sich noch Ost-West-Fest. Damit begann es eigentlich. Ich meine die Erkennung der Donau als Möglichkeit, wirtschaftlich, kulturell und ganz allgemein politisch eine immer größer werdende Rolle zu spielen.

 

 

Das war ein wunderbares Statement zum Schluß des Interviews.

Ich bedanke mich für das Gespräch. Alles Gute, Herr Hailbronner.

 

 

Ergänzung:

Was ist das Ulmer Fischerstechen?

In Ulm findet alle vier Jahre an den beiden Sonntagen vor dem Schwörmontag (vorletzter Montag im Juli) das Fischerstechen statt. Auftakt ist an beiden Vormittagen ein farbenprächtiger Umzug mit nahezu 300 kostümierten Teilnehmern, deren historische Bekleidung die Ulmer Stadtgeschichte jedesmal aufs Neue zum Leben erweckt. An verschiedenen Plätzen werden zu schlichter Trommelmusik jeweils die historischen Tänze der Fischerzunft aufgeführt.

Unter den Teilnehmern befinden sich auch die 15 Stecherpaare, die am Nachmittag beim eigentlichen Fischerstechen gegeneinander antreten müssen. Das Stechen ist ein historischer Wettkampf, ähnlich dem Ritterturnier, allerdings ohne Pferde. In schmalen Booten, den sogenannten Zillen, fahren je zwei Kontrahenten aufeinander zu und versuchen, sich gegenseitig mit Speeren ins Wasser zu stoßen.




Organisation
ZAWiW Ulm
Datum
30.08.2009
Kategorie


Zurück